Die Süddeutsche ist zwar prinzipiell ein Käseblatt, aber die Wahrscheinlichkeit, spritzige Zeilen aufzutun, ist dort deutlich höher als beispielsweise in der FAZ. In der jetzige Wochenendbeilage findet sich u.a ein äußerst lesenswerter Artikel über Gin. Man kann natürlich einiges über Gin selbst lernen, aber ähnlich wie Kurlansky es mit Kabeljau probierte, versucht auch dieser Artikel einige Sozialstudien zu integrieren. Man erfährt z.B. daß
Großbritannien den Gipfel seiner Macht in einer Zeit erreichte, als nahezu die gesamte Bevölkerung so gut wie permanent betrunken war.
Das mag auch erklären, weshalb die Insulaner den Niedergang ihres Imperiums ähnlich wie die dauerbreiten Römer nicht aufhalten konnten. Nur ging es halt bei den Briten viel schneller, denn Gin enthält deutlich mehr Alkohol als Wein. Ganz klar. Sehr erhellend auch der Zusammenhang von Ginderivaten mit der bewundernswerten Ausdauer der Briten, unschuldige Naturvölker zur Fronarbeit zu zwingen und dabei noch gut auszusehen.
Der Gin & Tonic avancierte zum traditionellen Sundowner in den Kolonien rund um den Indischen Ozean, bei dem sich britische Kolonialoffiziere von den Mühen des Sklaventreibens erholten. Er wurde zum Inbegriff einer abgebrüht-lethargischen Kolonialeleganz.
Sehr informativ das Ganze also und unbedingt lesenswert. Nur einmal irrt sich der Autor deutlich. Es heißt nämlich, der Martini sei der
größte Beitrag Amerikas zur Weltkultur.
Das kann nicht sein. Zwei Seiten vorher wurde selbiges zurecht schon den “Simpsons” zugeschrieben.

