Ich war letztes Wochenende auf dieser angeblich weltgrößten, -schönsten und -bedeutendsten Ausstellung moderner Kunst in Kassel – und war enttäuscht und belustigt zugleich. Entweder alle diese Attribute sind falsch oder die Kunstszene sollte den kollektiven Freitod wählen, um der größten Schmach noch zu entgehen.
Das interessanteste war noch eine Giraffe, die in einem palästinensischen Zoo bei einem israelischen Luftangriff einen Schock erlitten hat und tot umgefallen ist. Die Palis haben das reichlich ramponierte Tier dann “hinreißend dilettantisch” ausgestopft und in ein Widerstandswahrzeichen umfunktioniert. Jetzt steht es in Kassel in der Documenta-Halle und ist so arrangiert, daß die Giraffe es (aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet) gleichzeitig schafft, zwei Israelflaggen auf die Hörner zu nehmen und auf eine dritte ein Geschäft zu verrichten. Das ist Kunst. Wahnsinn! Ich bin fast vor Lachen an die Wand gefallen und hätte um ein Haar den Rastamann im Nebenraum nicht mehr gesehen, dessen Werk im wesentlichen aus sich selbst sonnenbrillenbewehrt hinter orange getönten Fensterscheiben neben einem Kofferradio bestand. Galaktikös. Der Titel war natürlich “Ohne Titel”. Daraus kann man dann gar nichts mehr lernen. Kunst ohne Anpruch nennt man sowas glaube ich. Zumindest ohne erkennbaren Anspruch.
Überhaupt sollte man doch denken, daß Kunst tatsächlich etwas mit Können zu tun hat, aber bei Arrangements, die aus von der Decke herabhängenden Gartenschläuchen, verknoteten Stromkabeln mit bunten Glühlampen, an die Wand geschraubten Plexiglasrhomboedern, in Hartwachs getauchten Spielzeugpanzern (mit verkehrt übersetztem chinesischen Titel: 加油 heißt eher “vorwärts!” als “mehr Öl”), wahllos gemischten Urlaubsfotos oder im Vorbeigehen erstellten abstrakten Wischereien aus schwarzer Tinte bestehen, die so belanglos sind, daß selbst der Ausstellungsführerin keine intelligente Erklärung einfällt.
Es scheint sehr beliebt zu sein, völlig banale Alltagsgegenstände irgendwie zu arrangieren, sie Kunst zu taufen und bewußt auf weitere Erklärungen zu verzichten, damit jeder Betrachter das Gesehene mit eigenen Assoziationen mischt und es seinem Großhirn überläßt, das Kunstwerk im Kopf fertigzubauen. Instant-Kunst sozusagen. Einfach mit heißem Wasser aufgießen und fertig. Ein an sich cleveres Konzept. Nur fällt es einem schwer, dem Künstler Applaus dafür zu spenden, weil man ja selbst die eigentliche Arbeit erledigt hat. Und häufig genug fällt es doch recht schwer, andere Assoziationen zu bekommen als die Vorstellung, wie grenzenlos unangepaßt es doch wäre, in einer vollbesetzten Kunsthalle einen Lachanfall zu bekommen.
Es gab auch Aktionskunst. Mehrere Leute kletterten auf allen Vieren und nicht besonders elegant in einem stilisierten Wäscheständer herum und verschwanden periodisch in den daran aufgehängten Tüchern. Mag sein, daß das Ganze einen Standpunkt verdeutlichen sollte, aber die Mehrheit der durchaus zahlreich herumstehenden Zuschauer hat ihn offensichtlich nicht erkannt, obwohl sich viele erkennbar bemühten und mit wichtigem Gesichtsausdruck immer wieder in der Documentadokumentation für 35€ herumblätterten.
Ein paar Tipps für alle, die sich das noch ansehen wollen:
- Man nehme eine gute Portion Humor mit und lasse die größten Erwartungen zu Hause.
- Ein Regenschirm ist ein guter Gegenstand dieses Jahr in Kassel. Diese Stadt ist ein verregneter Kühlschrank.
- Es empfiehlt sich, die Mitbetrachter genauer zu beobachten als das Kunstwerk selbst. Das ist interessanter und man kann eine Menge über den Zustand des deutschen Bildungsbürgertums lernen. Der Versuch, das eigene Unverständnis zu verbergen, kann ganz erstaunlich bemühte Gesichtsausdrücke hervorbringen.
- Eine Abendkarte reicht völlig aus, um das meiste mitzubekommen. Sie gilt ab 17 Uhr und kostet ermäßigt auch nur 5 € statt 12.
- Im Bahnhof gibt es eine Art Konkurrenzausstellung, die sich Karikatura nennt und eine Auswahl wirklich origineller Karikaturen beinhaltet. Ein Besuch lohnt sich sehr.
- Ein Gutteil der Dokumentakunstwerke ist politisch palästinenserfreundlich und israelkritisch. Sehr viele Zuschauer haben eine ähnliche Einstellung. Falls man selbst anderslautender Meinung ist und sie lauter als flüsternd seinen Begleitpersonen übermittelt, sollte man sich auf Stirnrunzeln, mißbilligende Blicke und/oder Diskussionen einstellen.
Update: Vielleicht sollte ich mir dieses Buch hier kaufen.: http://www.zeit.de/2007/31/SM-Heiser Vielleicht sehe ich dann klarer.


Dein Bericht über die Documenta hat mich sehr amüsiert und erscheint mir symptomatisch für das was bezüglich Kunst hier im Land “los” ist. Was ist mit diesem Land nur los?
Ich selbst habe längst die Konsequenz draus gezogen und bin ausgewandert – bis jetzt leider nur virtuell. Ich frage mich ernsthaft, wer das, was hier “produziert” wird, denn eigentlich kauft? Und von was leben hier denn die Künstler? Und wenn die Gallerien nichts mehr verkaufen, von was überleben die dann? Und wer wird in Zukunft Eintritt bezahlen für einen Haufen Müll?
Und warum lassen sich die Leute eigentlich so gerne verarschen?
@Diskus
Danke für den Report. Irgendwie habe ich diese Ausstellung immer ein wenig ingnoriert – scheinbar zu Recht…
@vyala
Sicher kann man sich streiten, ob Kunst Müll oder nicht ist. Da bin ich bisher immer sehr tollerant gewesen. Aber die Frage, wie diese Künstler damit Geld verdienen, habe ich mir auch immer gestellt
BTW: Schöne Bilder Ihrer Seite!
Liebe Vyala,
die Dokumenta versteht sich ja als durchaus internationales Schnittbild moderner Kunst. Es ist also keinesfalls so, daß nur inländische Kunst die erwähnten Symptome aufweist.
Zwar schien mir, daß einige der besseren (auch handwerklich besseren) Objekte ausländischer Herkunft waren aber übertrieben deutlich setzten sie sich dann auch nicht vom deutschen Rest ab. Mithin scheint Auswanderung in diesem Fall keine Lösung zu sein.
Berechtigt ist die Frage natürlich, wer überhaupt diese ganzen Objekte kauft. Außer dem mittlerweile hierzulande recht bekannten chinesischen Künstler Ai Weiwei, der anscheinend kein Problem hat, seine Objekte zu verkaufen (u.a. das nur drei Tage nach Eröffnung der Dokumenta in einem Unwetter zerstörte Haus aus Türen zwangsabgerissener chinesischer Häuser), ist mir kein Fall bekannt, wo sich Käufer gefunden haben. Aber ich bin auch kein Experte und es werden sich schon Leute finden, die sich für so etwas begeistern können. Zur Not müssen halt Steuergelder dafür herhalten. Am Steuertropf hängt die Kunstszene sowieso.
Herzliche Grüße,
Diskus
… wobei zu betonen sei, daß die aktuelle Documenta zumindest ihrem Selbstverständnis nach gerade als Gegenveranstaltung zum Kunstmarkt sich versteht und somit die Frage, wer denn da was kaufen solle, zumindest auf dieses Selbstverständnis schon aus Gründen des Kunstverständnisses irgendwie reagieren müßte. Wenn sie denn ernst gemeint ist.
Und daß Damien Hirst, Daniel Richter, Peter Doig oder Neo Rauch, ja selbst ein Norbert Bisky nix verkaufen würden, das kann man nun wahrlich nicht behaupten.
entschuldigung sie mein deutsch, aber ich bin franzose. die documenta ist ja auch nicht allumfassend, verteht sich als forum, nicht als retrospektive. in artlout magazine ( www. artlout.com ) konnte man beweggrunde der kurator schon nachlesen. sei es wie es sei, ein interessant ausflug ist sie schon wertig.
der link war http://www.artlout.com , ist schief gegang
Zu 6: das ist mir auch aufgefallen; ausserdem waren einige palästinensische Arbeiten sehr schwach, so schwach, dass ich schon deutlich bessere gesehen hatte.