Ein Economistartikel hat hat mich überzeugt, daß es sich lohnt, den einen oder anderen Gedanken auf die Funktionsweise der freien Marktwirtschaft am Beispiel der Mineralwasserindustrie zu verschwenden. Die Preisfrage ist, wieso sich eigentlich so viele Käufer für Wasser in Flaschen finden? Es scheint vollkommen widersinnig, in Frankreich aus irgendeinem Berg gezapftes Wasser in Kunststofflaschen zu füllen, quer um die Welt zu schiffen, horrende Preise dafür zu verlangen, die Umwelt mit langen Transportwegen und Flaschenentsorgungsproblemen zu belasten und auch noch eine gewaltige Käuferzahl damit anzusprechen. Zwei Aspekte scheinen mir selbst bemerkenswert zu sein:
- Obwohl ein Liter Mineralwasser deutlich mehr kosten kann als ein Liter Benzin, regt sich keiner auf, kein Politiker fordert Einsicht in die Bilanz, möchte Erklärungen für astronomische Preissteigerungen haben. Wasser ist viel wichtiger als beispielsweise Milchprodukte, wo laute Panikrufe erschallen, sobald irgendjemand behauptet, bald seien die Chinesen so reich, daß sie unsere schöne Milch wegtrinken können. Gewaltige Preise von über einem Euro pro Liter Milch seien dann möglich. Womit, bitte schön, soll man denn dann seinen aus Westafrika importierten Kakao anrühren? Wir stehen kurz vor einer Hungersnot, könnte man meinen. Nicht so bei Wasser. Es ist erstaunlich.
- Warum finden sich überhaupt so viele Käufer für dieses Wasser in Flaschen? In Deutschlands kann man’s überhaupt nicht verstehen: Unser Leitungswasser zählt zwar zu den teuersten der Welt, ist aber, obwohl überhaupt nicht subventioniert, trotzdem aus dem Hahn noch deutlich billiger als das billigste Mineralwasser. Und vielfach auch besser. Der Verkauf von Wasser in Flaschen aber zieht nicht nur in Deutschland, sondern weltweit an. In Großbritannien wurden 2006 doppelt so viele Flaschen verkauft wie noch 1998. In den USA sieht’s ähnlich aus. Nun ist vielleicht das Leitungswasser nicht überall so hochwertig wie in Deutschland, aber schlechter wird es in den vergangenen Jahren auch nicht geworden sein. Warum also diese Verkaufssteigerung?
Antwort: Die Leute sind hypnotisiert worden von cleverer Werbung, die ihnen suggeriert, Flaschenwasser sei gesünder als Leitungswasser. Der Economist mutmaßt, Verbraucher vermuteten auch, Terroristen könnten Leitungswasser vergiften und sie trauten den Wasserversorgern nicht zu, die Vergiftungen schnell genug aufzudecken. Insgesamt jedenfalls sei es beispielhaft für die Leistungsfähigkeit des Kapitalismus, daß die Konsumenten der Getränkeindustrie bessere Qualitätskontrollen zutrauen als der öffentlichen Hand und bereit seien, dafür zu bezahlen.
Diese Schlußfolgerungen halte ich teilweise für verquer. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht eine Flasche Wasser gekauft, weil ich dachte, irgendein Bärtiger könnte das Leitungswasser vergiftet haben. Eher auf Reisen, wenn gerade mal keine akzeptable Flüssigkeitsquelle in Sicht war oder in Gegenden, wo das Leitungswasser stark gechlort ist. Es ist auch kein Beweis für die Leistungsfähigkeit des Kapitalismus, daß Käufer zur Flasche statt zum Hahn greifen. Eher ein Plädoyer für Werbung für Leitungswasser. Gut, vielleicht ist es ein Beweis für die Leistungsfähigkeit von Firmen, Leute für dumm zu verkaufen und ihnen mit geschickter Werbung unnötiges Zeug zu verkaufen. Mag sein. Ein Beweis für die Leistungsfähigkeit, bessere Qualität zu liefern, ist es nicht.
Was in dem Artikel sträflicherweise nicht berücksichtigt wurde ist, daß sich das gesamte Trinkverhalten (früher eher Cola kombiniert mit Fastfood als Wasser und dazu einen Salat) geändert hat. Das kann man zwar zum Teil auch auf Werbung schieben, aber auch auf den Überdruß der Leute, fett und ungesund zu leben. Ich glaube, der Trend war vor den entsprechenden Produkten da. Werbung hat ihn nur aufgegriffen und verstärkt.
Interessant indessen ist ein Blick nach China: Dort war es bis noch vor wenigen Jahren üblich, heißes Wasser gerne auch ohne Teeblätter aus Thermoskannen zu trinken. Dann wurde Cola und dergleichen mehr auf den Markt geworfen und die Thermoskannen wurden unter der jüngeren Generation seltener. Mittlerweile ist das Wasser zurück, aber diesmal kalt statt heiß und in Plastikflaschen statt in umweltfreundlichen Thermoskannen. Dort spielt dann tatsächlich Trinkwasserverschmutzung eine Rolle.


[...] Sind denn alle Konsumenten bescheuert? Ein Economistartikel hat hat mich überzeugt, daß es sich lohnt, den einen oder anderen Gedanken auf die […] [...]
Auf der anderen Seite ist diese Plörre, die bei uns aus dem Hahn kommt, schon ziemlich ungenießbar. Ich muss sagen, dass ich schon viel Leitungswasser trinke, aber die muss man erst ein paar Minuten laufen lassen, damit das Zeug ansatzweise schmeckt.
Grundsätzlich hast du natürlich Recht, es wurde ja auch schon mehr als einmal drauf hingewiesen, dass der Welt Verteilungskriege ums Wasser bevorstehen. Ein guter Grund, mit dem Sparen anzufangen…
Mhm, also dein beitrag regt schon zum Nachdenken an. Ich möchte das aber ein bisschen erweitern und zum Weiterdenken provozieren.
Der Economist Artikel auf den du verweist bezieht sich in erster Linie auf die Trinkwasserwirtschaft in den USA. Deshalb möchte ich mal auf die Besonderheiten des europäischen Marktes hinweisen: Grundsätzlich muss man Trinkwasser kategorisiert betrachten. Neben dem von dir und dem Artikel besprochenen Tafelwasser oder auch allgemein als Leitungswasser verstanden, gibt es ja auch noch das natürlich Mineralwasser und das Quellwasser, das eben nicht aus der Leitung sondern aus natürlichen Ressourcen stammt. Dass Tafelwasser einfach nur abgepacktes Trinkwasser ist, finde ich auch schräg. Vor allem, dass damit soviel Kohle gescheffelt wird. Zum anderen führen die Autoren des Economist Artikels auch den Grund an, dass eben verunreinigte, poröse oder alte Leitungen durchaus ungenießbares Wasser transportieren. Da verstehe ich den Konsumenten, der auf die verpackte Variante zurückgreift. Interessant fände ich jetzt mal zu schauen, ob Tafelwasser günstiger ist als Mineralwasser, was ich mal vermute. Der Konsument steht also vor der Frage „Mineral- oder Tafelwasser?“. Jetzt würde ich den Mineralwassertrinker verteidigen vor deinen Aussagen: Verschiedene Mineralwasser schmecken durchaus unterschiedlich, zusätzlich sind die Wässer nährstoffreich und damit wertvoller als Tafelwässer. Deine Wasserkritik trifft also scheinbar nur eine Hälfte, das Tafelwasser!
Das Argument den Konsumenten als manipuliert zu betrachten ist durchaus legitim. Andersherum könnte man dem Käufer aber auch den Vorwurf machen, dass er eben auch einfach den Hahn aufdrehen kann. Warum tut er es nict? Ohne Nachfrage hält sich kein Angebot, das ist auch eine marktwirtschaftliche Regel! Der Konsument kauft was ihm gefällt und das bekommt er auch prompt!
Ich finde dieses scheinbare Randthema total interessant. Finde ich clever, dass du das hervorgekramt hast! Sehr diskussionswürdig!
Prost!
Marc
Lieber Hanneken,
Verteilungskämpfe ums Wasser wird es tatsächlich aller Voraussicht nach geben. Aber ich denke doch, daß zuerst ohnehin trockene Gegenden davon betroffen sein werden. Also nicht unbedingt die Hauptübeltäter in Sachen unnötigen Flaschenwassers, Europa und USA. Indien und China sollen zwar auch ganz gut dabei sein, aber auch dort sehe ich kein Potential für ernsthafte Verteilungskämpfe. Das ist also in meinen Augen nicht der Grund, Leitungswasser zu bevorzugen. Ich sehe eher den monetären Aspekt, unnötigen Transport und ein interessantes Studienobjekt in Verbraucherpsychologie. In anderen Worten: Ein Effizienzproblem mit Psychowürze.
Herzlichen Gruß,
Diskus
Lieber Marc,
ich trinke auch sehr gerne Mineralwasser. Was ich interessant finde ist nicht, daß andere Leute Mineralwasser ebenso gerne trinken wie ich. Mich erstaunt eher, daß die Steigerungsrate so hoch ist. Die Wasserleitungen mögen hier und da marode sein. Aber sie sind es garantiert nicht überall (schon gar nicht in Deutschland) und auch nicht erst seit gestern, und trotzdem fühlen sich Verbraucher offenbar verstärkt animiert, Wasser aus Flaschen zu kaufen. Und zu was für Preisen teilweise. Es ist wirklich erstaunlich.
Herzlichen Gruß,
Diskus
[...] Sind denn alle Konsumenten bescheuert? Nicht nur ich wundere mich darüber, dass man tatsächlich Wasser in Flaschen verkaufen kann. [mehr] [...]
Stilles Wasser
Wenn es um stilles Mineralwasser geht, habe ich mich schon immer über Leute gewundert, die es kästenweise aus dem Getränkemarkt schleppen. Ich würde ja nichts sagen, wenn wir in einem Dritte-Welt Land leben und uns aus den Leitungen eine braune Sch…
[...] „Sind denn alle Konsumenten bescheuert“ fragt sich „Hotel Villa de Art“, warum französisches Bergwasser besser sein [...]
Darüber habe ich noch garnicht in diesem Ausmaße nachgedacht, wahrscheinlich weil ich kaum Wasser kaufe und wenn dann nur Getränker mit Geschmack.
Aber es ist nun mal so,das Leitungswasser das bestüberprüfte Lebensmittel ist welches in Deutschland gibt.
Leitungswasser unterliegt einer ständigen Kontrolle durch Meßeinrichtungen und diese werden dann auch noch per Hand nachkontrolliert mehrmals am Tag.
Bei Flaschenwasser ist dem nicht so.
[...] so herkommen: Wein aus Chile, Kalifornien, Neuseeland oder Südafrika, Bananen aus Equador, Mineralwasser in Plastikflschen aus Frankreich oder Italien, Milchprodukte aus Italien. Erst neulich habe ich von Räucherlachs aus Norwegen [...]
Wieso sollte sich jemand über die teuren Wasserpreise in Flaschen aufregen? Es gibt doch die Alternative aus dem Wasserhahn. Es regt sich ja auch keiner über die Preise in Luxusrestaurants auf. Immerhin kann man auch sein eigenes Essen kochen.
Über die hohen Benzinpreise kann man sich schon aufregen, da es momentan schlichtweg keine günstige Alternative gibt. Auch öffentliche Verkehrsmittel sind nicht immer eine Alternative zum eigenen Auto, da diese in ländlichen Regionen einfach nicht fahren wenn man sie brauch. Was bringt es einem wenn man direkt vor der Haustür eine Haltestelle hat, um 6Uhr anfangen muss zu arbeiten, man aber frühestens um 7Uhr da sein kann.