Die zentrale Frage ist doch, ob die taz eine Zeitung ist oder ein Schmierenblatt. Die meisten werden ohne groß nachzudenken vermutlich äußern, daß sie auf jeden Fall keine Zeitung sei, denn der Informationsgehalt gehe gegen null. Das ist nach einigen Wochen täglicher Lektüre dieses Druckwerks auch mein Eindruck. Aber es gibt Ausnahmen. Nehmen wir dieses Beispiel:
Auf Michael Kiefer bin ich erst heute Mittag bei der Lektüre der gestrigen taz gestoßen. Er wirft darin Hans-Peter Raddatz und Matthias Künzel vor, sie wollten mit ihren neuen Büchern „Allah und die Juden. Die islamische Renaissance des Antisemitismus.“ (Raddatz) und „Islamischer Antisemitismus und deutsche Politik. ‘Die Juden werden brennen, wir werden auf ihren Gräbern tanzen…’“ (Küntzel) undifferenziert Muslime denunzieren. Beide Bücher analysieren die Ursachen des Antisemitismus und probieren die Beantwortung der Frage, inwieweit der Islam selbst ein antisemitisches Fundament bietet. Eine sehr interessante Frage, wie Kiefer zugibt, denn antisemitische Propaganda seien in islamischen Gesellschaften keine Seltenheit. Doch Kiefer wirft Raddatz vor, es ginge ihm nicht um sachliche Analyse, sondern um Kulturkampf. Schlagworte wie „Dialog – der kollektive Betrug“ oder „Djihad – Kampf gegen den Nichtislam – und Dhimma – die Unterdrückung des Juden- und Christentums – sind unverzichtbare Lebensbedingungen, die Sakramente ihres Glaubens“, die Raddatz in seinem Buch gebrauche, seien sichere Anzeichen dafür. Küntzel kommt zwar besser weg, weil er, anders als Raddatz, nicht davon ausgehe, daß die Juden aus theologischen Gründen schon immer die Feinde des Islam waren. Aber Küntzels Alarmismus sei übertrieben, in Teheran sei keinesfalls eine Reinkarnation von Hitler am Werk, von „eliminatorischem Antisemitismus“ könne keine Rede sein, und keineswegs sei es so, daß in Deutschland das Thema totgeschwiegen werde.
Die Kritik dieser beiden Bücher riecht recht stark nach Appeasement, und umso verdächtiger ist, wenn der Kommunist Küntzel deutlich besser wegkommt als der Hardliner Raddatz. Und das ist der nicht gerade als überparteilich bekannten taz. Aber erstaunlich. Raddatz’ Thesen scheinen nicht nur bei Kiefer in der taz schlecht wegzukommen, auch in der welt wird nicht gerade freundlich über ihn geurteilt. Dort heißt es: „Raddatz Warnung vor der Islamisierung ist Teil einer umfassenderen kulturpessimistischen Zeitdiagnose, die er aus den Versatzstücken konservativer wie linker Verschwörungstheorien zusammengebastelt hat.“
Vielleicht ist Kiefer also doch kein Trottel, wie man aus der Tatsache schließen könnte, daß er in der taz schreibt. In der Tat: Die Scholars for Peace in the Middle East referenzieren ein Interview mit Kiefer, das diesen Schluß nahelegt.
Als Deutscher kann man in islamischen Ländern gelegentlich eine Form der Gastfreundschaft kennen lernen, die bestürzt. Dann nämlich, wenn das Willkommen verbunden ist mit dem Lob des Nationalsozialismus, weil der die Judenvernichtung betrieben hat. Das ist nicht die einzige Form des Antisemitismus, die in islamischen Ländern anzutreffen ist. In Filmen, Büchern, journalistischen Beiträgen wird Judenhass gepredigt – und auch in religiösen Ansprachen. Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer hat sich mit diesem Phänomen intensiv befasst.
Das Gespräch im Wortlaut. Einige Auszüge:
Matthay: Ich möchte gerne noch mal zurückgehen, Sie haben die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts angesprochen, den Palästinakonflikt. War es denn so, dass Antisemitismus vorher in der islamischen Welt überhaupt nicht präsent war?
Kiefer: Antisemitismus in dem Sinne wie wir ihn aus Europa kennen sicherlich nicht. Es gab und gibt natürlich im Koran judenfeindliche Passagen, die verweisen auf den Konflikt Mohammeds mit den Juden in Medina, direkt zu Anfang, aber diese Stellen haben in der islamischen Geschichte, also in der islamisch-jüdischen Tradition eigentlich nie eine sehr große Rolle gespielt.
Das scheint Kiefers Generalthese zu sein, die ich im Lichte einiger Koransuren schwer glauben kann.
Matthay: Es gibt Wissenschaftler, die weisen daraufhin, dass manche Suren des Korans antisemitisch ausgelegt werden könnten. Wie weit ist Antisemitismus im Islam begründet? Stimmt das überhaupt?
Kiefer: Es gibt natürlich judenfeindliche Passagen im Koran. Das stimmt. Und von den Islamisten, das muss man auch in aller Deutlichkeit sagen, werden sie auch antisemitisch interpretiert. Sie werden wortwörtlich genommen. Islamisten betreiben, das ist ja ein Kennzeichen ihrer Ideologie eine unmittelbare Koranexegese. In der Vergangenheit war das nicht so, wir haben in der Tat eine ausgewogene, exegetische Tradition, die abgewogen hat, die andere Stellen mit hinzugenommen hat, aber es war Kennzeichen der modernen islamistischen Ideologie, dass diese Dinge unmittelbar genommen werden, wortwörtlich, wie sie dort stehen und dann kann man in der Tat auch Judenfeindschaft darauf begründen. Das geht.
Aber es hat nie eine Rolle gespielt, bis die Europäer die richtige Ideologie geliefert haben? Schwer zu glauben.
1948 war es so, dass die Verwunderung darüber, dass die arabischen Armeen gescheitert sind sehr groß war. Man muss sich das damalige Judenbild noch einmal vorstellen, das in den arabischen Gesellschaften kursierte. Juden galten als schwach, ängstlich, als unterlegen. Nun auf einmal waren sie als Militärmacht präsent und gewannen gegen Muslime. Das war etwas, das nach einer Erklärung verlangte und der Antisemitismus bot mit seinen absurden Verschwörungsphantasien, die ja bis zur Weltverschwörung hinreichen, ein perfektes Erklärungsmuster für die Niederlage. Das ist auch ein Ding, was wir in all den Jahren immer wieder finden – das Vorhandensein Israels, das Bestehenkönnen Israels, trotz all der Kriege, die mittlerweile stattgefunden haben, wird auf eine weltweite jüdische Konspiration zurückgeführt. Man geht immer davon aus, dass dieser Staat nicht ein einfacher, normaler Staat ist, sondern Teil einer jüdisch-amerikanischen Verschwörung ist.
Hört sich plausibel an.
Israel wird, wenn man so will, als eine Zwischenetappe auf dem Weg zur jüdischen Weltherrschaft dargestellt.
Der Antisemitismus bezieht sich ja nicht nur auf Israel, sondern er ist sozusagen ja ein zentrales Moment der Weltdeutung geworden. Man erklärt ja damit auch andere Dinge. Man kann es ja nachlesen in den Schriften der Hisbollah, die Juden werden ja auch für AIDS verantwortlich gemacht, oder für andere Dinge, für moralische Dekadenz. Man lastet ihnen unheimlich viel an. Es geht nicht nur um den Staat Israel, sondern im Grunde genommen wird alles, was als ungünstig, als anti-islamisch wahrgenommen wird, wird einer Verschwörung zugeschoben. [...]
Man kann, ohne sich viel Gedanken zu machen, für dieses und jenes einen Schuldigen finden, und man lenkt natürlich auch davon ab, was die eigenen Regierungen tun. Selbstverständlich ist es so, dass die ökonomischen Miseren, die wir im Nahen Osten oder in Nordafrika zu beklagen haben, eigene muslimische Regierungen in einem erheblichen Maße zu verantworten haben und wenn man immer nach Palästina schaut und diesen Konflikt fokussiert, dann spricht man sich auch frei von jeglicher Verantwortung für das, wie es im eigenen Land läuft. Klar, das kann man schon sagen.
Ich glaube, der Herr macht sich doch nicht so viele Illusionen, wie ich nach Lektüre besagten taz-Artikels dachte.

