Wer gedacht hätte, dass in Deutschland nur dunkelrote Linke und hartgesottene Anti-Interventionisten das Vorgehen der Chinesen in Tibet verteidigen würden, der wurde in den letzten Tagen und Wochen eines besseren belehrt: Die chinesische Propagandamaschine läuft auf Hochtouren und erzählt uns, wie toll Han-Chinesen und Tibeter in Tibet zusammenleben, und dass es in Tibet ja eh kaum Han-Chinesen gebe. Dieses Argument findet sich auch in der deutschen Blog-Landschaft (Kommentar 16) wieder, obwohl es auf Zahlen aus dem Jahre 2000 (vermutlich vom damaligen offiziellen chinesischen Zensus) beruht. Die chinesische Go West-Kampagne begann allerdings erst im Jahre 2000. Ihre Auswirkungen sind dabei also noch gar nicht berücksichtigt. In den acht Jahren seither gab es noch keine neue Volkszählung. Edward E. Nigma vom Bad Blog ist den Chinesen dankbar für ihre Modernisierungsbemühungen in Tibet und dafür, dass sie den Tibetern den Dalai Lama vom Leib halten. Denn ein unabhängiges Tibet würde den sofortigen Rückfall in alte feudale Zeiten bedeuten. Davor fürchten sich die chinesischen Kommunisten und manche deutsche Blogger wohl gleichermaßen…
Da fragt man sich natürlich verdutzt, wieso die Tibeter sich denn dann so aufregen und gegen was sie eigentlich protestieren? Unfrei sind ja alle in China, das kann es also nicht sein. Zudem wird ihr Land gerade mit chinesischen Milliarden modernisiert und es wurde sogar eine Eisenbahn gebaut. Vom feudalen Joch wurden sie schon 1951 befreit, da müsste man sich ja eigentlich auch drüber freuen… Dann steckt wohl doch eine Verschwörung der Dalai-Clique und ihres grenzdebil lächelnden Anführers dahinter. Oder doch nicht?
Ich werde demnächst mal einen Beitrag zur Go West-Kampagne der Chinesen veröffentlichen und mich dabei auch auf chinesische Quellen stützen. Die Kommunistische Partei ist ja im Gegensatz zu den westlichen Medien und der westlichen Wissenschaft noch nicht von der Dalai-Clique unterwandert. Leider hat sie es auch nicht so mit der Transparenz, wie alle autoritären Regime. Aber immerhin “argumentieren sie ziemlich vernünftig” (Kommentar Nr. 23) und wer wird denn bei Kommunisten gleich was Böses vermuten? Schließlich hat sogar der Große Vorsitzende Mao mit seinen 60 Millionen Opfern “prozentual” weniger Blut an seinen Händen kleben, als Diktaturen in kleineren Dritte-Welt-Ländern (Edward E. Nigma, unten bei den Kommentaren). Die Rechnung ist zwar haarsträubend, aber nach dieser Einsicht kommt es auf die paar Millionen Tibeter “prozentual” natürlich tatsächlich nicht an. Lang lebe der Fortschritt!


Statt einer Antwort, noch mehr Fragen.
@ Lieber Herr Nigma:
Antworten wären mir zwar lieber als Fragen, aber bitte.
1. Tibeter ist wer sich für einen Tibeter hält, das muss jeder für sich entscheiden. Reinheitsgebote wurden glücklicherweise abgeschafft (außer bei Bier).Da es keinen tibetischen Staat gibt gibts auch keine Pässe, was die Sache natürlich kompizierter macht. Für die Entscheidung, wer denn zum tibetischen Volk gehört bin ich nicht zuständig. Auch für die Vermessung tibetischer Siedlungsgebiete bin ich nicht verantwortlich. Das müssen China und die Tibeter schon unter sich ausmachen.
2. Alle Chinesen haben das Recht auf Freiheit, genau wie die Tibeter (und die Uighuren, usw.). Deshalb hab ich zu dem Thema auch schon dutzende von Beiträgen geschrieben. Hier eine Linkauswahl:
Großputz Chinesischer Prägung
Verteidiger der Menschenrechte in China
Proteste in Shanghai
Tot geprügelt
Chinas Kommunisten und die Demokratie
Behinderung der Pressefreiheit in China
Big Trouble in Big China
Erst haben Sie mir vorgeworfen, dass ich das Leid der Uighuren ignoriere (wobei das nach Ihrer Rechnung ja auch Chinesen sein müssten), und jetzt das. Der Unterschied zwischen Ihrer Dialektik und mir besteht wohl darin, dass ich Tibetern und Chinesen die Freiheit gleichermaßen gönnen würde, da ich das tibetische Volk nicht nur auf den Dalai Lama (und seine fiese Clique) reduziere. Wieso diese Unterscheidung nicht in Ihren Kopf reingeht, weiß ich nicht. Vielleicht liegts an übetriebener Dialektik.
3. Ein großer Dialektiker war auch der Große Vorsitzende. Die Opferzahl von 60 Millionen besteht aus Menschen, die direkt durch Hunger und Verfolgung umgekommen sind, vor allem durch den “Großen Sprung nach Vorne”. Der Rest beruht auf Schätzungen von Demographen, die die enstandene “Beule” in der natürlichen Bevölkerungsentwicklung Chinas untersucht haben. Die Zahl beeinhaltet also auch Menschen, die aufgrund von Hunger und Krankheit bei der Geburt starben oder gar nicht erst “geboren werden” konnten (30 Millionen direkte und 30 Millionen “ungeborene Opfer”). Wer verhungert, der bekommt keine Kinder. Die Zahl ist in der westlichen Sinologie eigentlich nicht umstritten. Leider haben die Chinesen nicht so akribisch Buch geführt wie die Nazis. Prozentual ist es natürlich nicht besonders viel… Zahlen finden sich bei Schoppa, R. Keith Schoppa (2002): Revolution and its past – Identities and change in modern Chinese history, S.329 ff. Und hier noch eine Grafik dazu: “estimates range from 25 to more than 40 million premature (sic!) deaths due to famine and famine-related diseases”
4. Nein, ich bin tatsächlich kein Freund des Kommunismus. Das hat ausreichend historische Gründe… Und falls der feine Herr einen Tick hat, dann ist es ein Taiwantick.
5. “Der Fortschritt wie Sie ihn sich vorstellen, ist in Manchester oder Schlesien damals auch sehr brutal und blutig durchgesetzt worden. Aber daran kann sich der feine Herr wohl auch nicht mehr erinnern…” Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Der feine Herr war damals noch nicht auf der Welt. Aber die Ansicht, dass für den Fortschritt des Landes eben auch mal ein paar Milliönchen an Leuten draufgehen müssen ist bei Radikalen aller Couleur weit verbreitet. Mao, Stalin, Hitler, usw.. Wir leben aber nicht mehr im Schlesien oder Manchester des 19. Jahrhunderts. Also ich jedenfalls nicht. Keine Ahnung, wo Sie leben. Außerdem hat China sich zur Zeit des Großen Sprungs mit all seinen Fortschrittstoten nur in eine Richtung entwickelt: Nach hinten.
Mir scheint, die westliche Propagandamaschine läuft ebenso geschmiert wie die chinesische. Nur habe ich wenig davon, wenn sich Propagandisten gegenseitig die Stichworte liefern. Mehr:
http://www.blogsgesang.de/2008/03/28/tibet-und-der-pluralismus-der-medien/
Noch eine Antwort…
@ mrpresident
Moment mal. Die TAZ ist ja wohl nachweislich verdammt rot und engagiert sich glühend! für die tibetische Sache. Die hatten auch den letzten deutschen Reporter dort stationiert. Unberechtigte Kritik also.
@ Herrn Nigma:
1. Da Sie sich so viele Gedanken über Ethnien machen, hier ein Tipp. Die größten Rassekundler der Welt sind die Chinesen. Aufgrund der Rasse werden gewisse Privilegien zu- oder aberkannt. In jedem chinesischen Ausweis steht die Rasse vermerkt. Warum machen Sie’s sich nicht einfach und nehmen als Tibeter, wer offiziell als Tibeter registriert ist? Dann müssen Sie sich über dieses Problem gar keine Gedanken machen, denn es ist bereits gelöst.
2. Sie behaupten: “Die Kritik an China muss eingebettet sein in Kritik an der westlichen Welt die gerade still hält, an der Provokation der Tibeter sowie ihrer religiösen Führer, und der Tatsache gedenken, dass natürlich Propaganda von allen Seiten betrieben wird. Sie muss also dialektisch sein.” Ich erkenne das Prinzip der Dialektik in Ihren Ausführungen nicht ganz wieder. Vielleicht könnten Sie etwas näher erläutern. Erklären Sie bitte auch kurz, ob Sie damit Dialektik im Platonischen Sinne oder die Hegel’sche Dialektik meinen, damit ich Ihnen besser folgen kann. Danke.
3. Sie scheinen dem Irrtum aufgesessen, Manchester sei ein Synonym für gewalttätigen Fortschrittswahn. Sehe ich das richtig? Das ist mitnichten der Fall, wie die Lektüre dieses Artikels zeigt.
@ Herr Nigma: Da wir uns anscheinend von sehr unterschiedlichen Datenlagen und Weltbildern ausgehen, sehe ich keine Grundlage für eine weitere Diskussion mit Ihnen. Da Sie ohne jegliche eigene Präsentation von Fakten einfach nur jede meiner Aussagen in Frage stellen und an mir vorbei argumentieren, lassen wir das wohl lieber… Nach all den Jahren der Beschäftigung mit China und seiner Geschichte hab ich das auch gar nicht nötig.