Dieser Beitrag von Frontal 21 berichtet über Vertretungslehrer, die in den Sommerferien entlassen werden und in dieser Zeit “Hartz IV”-Empfänger sind, weil das Kultusministerium dann eine Menge Geld einsparen kann. Und er ist sehenswert. Man kann aus ihm vielerlei lernen, z.B. daß hier irgendjemand an der Wahrheit dreht.
- Beispielsweise hält eine Vertreterin des Arbeitsamtes zum Beweis, daß gewisse Länder (NRW, BW, Hessen) in den Ferien Lehrer entlassen, Zeit-Arbeitslosenzahl-Plots in die Kamera. Aus den Plots kann man sehen, daß die Anzahl der Entlassungen stark rückläufig ist. Kein Wort wird darüber verloren.
- Später behauptet Frau Wille von der Bundesagentur für Arbeit, sie hätten ausgerechnet, die 5000 betroffenen Lehrer kosteten die Sozialkassen in 6 Wochen 17 Millionen €. Nachrechnen hilft: 6 Wochen sind 42 Tage. Pro Tag erhält also einer von den arbeitslosen Lehrern 17.000.000/(42*5000)=80,92€. Das sind dann also im Monat über 2500 €. Fürs Nichtarbeiten. Na gut, da gehen noch diverse andere Leistungen mit Weg (Versicherungen etc. pp) . Sagen wir einfach mal pauschal: 1500 € werden da noch übrigbleiben.
- Man konnte vorher lernen, daß diese Saisonlehrer in den Ferien von Hartz IV leben müssen. Denken wir mit diesen Informationen kurz nach: Kann das sein? Wohl nicht.
Ergo: Irgendeiner lügt hier oder verbreitet fundierte Halbwahrheiten. Frontal 21 vielleicht, die ein Interesse daran haben, einen Skandal auszupacken, wo keiner ist? Ich kann an Zeitverträgen, wenn so viel Kohle rausspringt, ehrlich gesagt, nichts Schlimmes finden. Oder kann das Arbeitsamt nicht rechnen und 5000 arbeitslose Lehrer kosten gar nicht 17 Millionen in den Sommerferien? Kann ja mal vorkommen, nicht?
Mehr interessante Infos: In Hessen sollen diese unhaltbaren Zustände abgeschafft werden. Das trägt doch die Handschrift der Volksfront, oder? Gerade sind ja schon die Studiengebühren gefallen, jetzt werden auch noch Vertretungslehrer abgeschafft. Und in 5 Jahren klopft Hessen dann in BW und Bayern an und will Kohle aus dem Länderfinanzausgleich sehen.
Und was man noch so lernen kann (falls die armen Lehrer wirklich so arm dran sind): Der Staat ist keinen Deut besser als die Wirtschaft, wenn es um’s Wirtschaften geht und daher nicht in geeigneter Position, letztere als Moralonkel ständig zu belehren, wie gerade wieder beim “Spitzelskandal” gesehen.


Die Zahlen kann ich nicht überprüfen, doch die Leute hab ich häufig in der Beratung. Einige haben schon seit Jahren solche Verträge und bekommen reguläres Arbeitslosengeld, andere sind erst kurz dabei und landen bei Hartz IV. Die Verträge sind meist recht schlecht dotiert. Zudem sind diese Lehrer tatsächlich im ganz normalen Lehrbetrieb eingesetzt und keine Vertretungslehrer. Also finanzieren die Länder ihren Lehrbetrieb auch über die Sozialkassen. Zudem hat das für die Betroffenen den Nachteil, dass sie keinen Urlaub machen können – wenn das Arbeitsamt dies nicht genehmigt. Haben Sie schon mit heutigen Jugendlichen gearbeitet? Viel Spaß dabei.
Lieber Herr Bongards,
Sie arbeiten bei der Bundesagentur für Arbeit? Ist ja hochinteressant! Können Sie sich erklären, wie derartige Zahlen zustande kommen?
Ich bezweifle nicht, daß eine Festanstellung für Lehrer wünschenswerter ist (wie für jeden anderen auch), aber ich bezweifle, daß die Situation so unerfreulich ist wie hier dargestellt.
Mein halber Bekanntenkreis besteht aus Lehrern; die jammern über alles mögliche, meistens über dämliche, unkooperative Kollegen und sinnlose Ministeriumserlasse, sehr selten hingegen über “heutige Jugendliche”. So schlimm scheinen die also nicht zu sein.
Wenn das Problem so gravierend ist, frage ich mich auch, weshalb kein einziger von meinen Bekannten von Anstellungssorgen zu berichten wußte. Die sind alle gleich vom Referendariat in eine Festanstellung gerutscht.
Und daß das Ministerium flexible Arbeitskräfte braucht, kann man z.T. verstehen, denken Sie nicht?
Herzlich, Diskus
@diskus
Ich arbeite nicht für die Bundesagentur, sondern engagiere mich in einer unabhängigen Beratungsstelle. In Hessen sehe ich immer häufiger Kettenverträge zu schlechten Konditionen mit Lücken für Lehrer, die dauerhaft unterrichten. Kürzlich hatte ich einen Vertrag als “Aushilfe” ohne weitere Berufsbezeichnung für eine Lehrerin in den Händen. Dies erleben die Betroffenen als Verunsicherung in einem anstrengenden Job. Personalüberlassungen im Schulamtsbezirk gibt es schon lange; daraus lässt sich kein Grund für diese Verträge ableiten.
@Diskus
Hämischer geht’s nicht mehr, was?
Ich frage mich, was solche Leute sagen, wenn sie immer nur Zeitverträge über einige Woche bekommen und dann wieder “Pause” auf Kosten der Sozialkassen machen dürfen.
Die von frontal21 angeführten Zahlen kann ich nicht überprüfen, dazu habe ich auch keine Lust.
Es geht nicht nur um die Sommerferien – sondern auch die übrigen. Die Bezirksregierungen stellen Lehrer ein, nicht das Arbeitsamt. Die Bezirksregierungen “sparen” die Zeit der Ferien im eigenen Haushalt ein. Dass das im Arbeitslosenunterhalt dann auf andere öffentliche Kassen abgewälzt wird, interessiert dabei nicht. Das ist eine Sauerei.
Für die Lehrer und Lehrerinnen ist die Situation eigentlich auch unhaltbar. Sie befinden sich in einer Situation, wo jederzeit ein Vertrag nicht erneuert werden kann, wissen also nicht wirklich, ob sie nach den Ferien noch einen Job haben. Das hat nichts mit “Flexibilität” zu tun. Die geht auch anders.
Das ganze ist einzig und allein eine heuchlerische Finanzfrage – weniger eine Frage, als mehr eine Sache des Umgangs. Aber keinesfalls die eines gewissen Bekanntenkreises. Aber Vorurteile sind ja so schön bequem! Bitte weiter pflegen. Die Zustände an unseren Schulen sind noch nicht bescheuert genug.
Lieber Heplev,
Sie sind Lehrer, nehme ich an? Weshalb werfen Sie mir denn hier das Pflegen von Vorurteilen vor? Bitte legen Sie doch auch einmal kurz dar, weshalb Sie es für notwendig halten, meinen Bekanntenkreis zu diskreditieren.
Für Sie rekapituliere ich noch einmal fix meine Argumentation:
1. frontal21 berichtet, 5000 Lehrer würden bundesweit für sechs Wochen im Jahr arbeitslos und würden in dieser Zeit von ALGII leben müssen.
2. Das Arbeitsamt präsentiert dazu die Kosten: 17 Millionen €.
3. Rechnen.
4. Feststellen, daß beide Aussagen nicht zusammenpassen.
… und auf aggressive Kommentare wie den von Ihnen warten.
Sie haben offenbar keine Lust zu rechnen. Nun gut, muß ja nicht jeder mögen. Es scheint Ihnen eher ums Prinzip als harte Zahlen zu gehen.
Sie stellen daher fest, daß das Abwälzen der Kosten prinzipiell (egal wieviel es kostet) eine Sauerei sei. Für Lehrer und Lehrerinnen sei es auch eine unhaltbare Situation. Ich würde Ihnen gerne zustimmen, aber erst, sobald ich verstanden habe, wie die merkwürdige Faktenverschieberei zustande kommt.
Weiterhin erinnere ich Sie höflich daran, daß niemand gezwungen wird, diese Arbeit anzunehmen. Das meiste wissenschaftliche Personal an Universitäten wird ebenfalls über Zeitverträge unterhalten.
Herzliche Grüße,
Diskus
Lieber Herr Bongards,
das ist ja hochinteressant. Sie sprechen davon, daß es immer häufiger vorkommt. Wie erklären Sie es sich, daß die Statistiken des Arbeitsamtes (siehe Beitrag) rückläufige Tendenzen zeigen?
Diskus
@diskus
Die Statistiken der Arbeitsagenturen sind ein Witz, allerdings ein schlechter. Siehe dazu:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27513/1.html
Viele werden einfach abgeschreckt und stellen keine Anträge. Eine weitere Möglichkeit ist das Anordnen sinnloser Maßnahmen. Ich berichte von eigenen Erfahrungen und da sehe ich eine zunehmnde Tendenz.
Ich hab den Beitrag nicht gesehen, doch vermute ich, dass mit den 17 Mio. die Einsparung gemeint ist.
Das ergibt dann 3400 pro Nase für 6 Wochen und einen Arbeitgeberbruttolohn von 2266 € pro Monat, mithin einen Arbeitnehmerbruttolohn von 1813 €.
Und so sehen die Verträge auch aus.
Hallo erstmal,
ich kenne selbst einen Lehrer, der in einer technischen Berufsschule fest angestellt war – zwar erstmal auf ein Jahr befristet, aber es war kein Aushilfslehrer, der Mann war im normalen Unterricht eingesetzt. Der wurde in den Sommerferien entlassen und danach wieder eingestellt.
@diskus:
“Weiterhin erinnere ich Sie höflich daran, daß niemand gezwungen wird, diese Arbeit anzunehmen.”
Der Satz ist vorsichtig gesagt unerträglich! Der Beruf des Lehrers ist wirklich keine Drecksarbeit, sondern eine wichtige und gemeinnützige Beschäftigung. Das sie die Verhältnisse so erträglicher darstellen als sie sind, hilft auch nicht gerade weiter!
@diskus KORREKTUR
Nun habe ich mir den Beitrag über eine schnellere Verbindung doch noch angesehen. Die Situationsbeschreibung deckt sich mit dem, was mir die Lehrer erzählen. Zudem hab ich einen Bekannten von der anderen Seite der Barrikade angerufen, der mir in Stichpunkten erkärte, wie diese Zahl zustande gekommen sein kann:
Die Arbeitsagenturen müssen die Leistung auszahlen. Zudem müssen sie darauf Sozialversicherungsbeiträge entrichten. Dann kommt noch hinzu, dass für diese Zeit die Lehrer keine Sozialversicherungsbeiträge abführen. Zum Schluss werden noch die Verwaltungskosten und die evtl. anfallenden Maßnahmekosten hinzugefügt werden. Das kommt hin. Ich befürchte, Sie sind einem populären Irrtum aufgesessen. Sie nehmen die Gesamtkosten von Sozialleistungen und teilen durch die Anzahl der Empfänger.
Übrigens: ein abgelehntes Arbeitsangebot führt zu einer dreimonatigen Sperrfrist. Ich möchte mich verabschieden.
@diskus:
Das hier:
Wenn das Problem so gravierend ist, frage ich mich auch, weshalb kein einziger von meinen Bekannten von Anstellungssorgen zu berichten wußte. Die sind alle gleich vom Referendariat in eine Festanstellung gerutscht.
ist eine Verallgemeinerung, die ein Vorurteil prägt.
Universitäten? Eine andere Bildungsinstitution als allgemeinbildende Schulen, oder? Und nicht mit Zeitverträgen von ein paar Wochen bedacht, wenn mich nicht alles täuscht.
Keiner wird gezwungen – stimmt. Aber ich frage mich, warum das in diesem Beruf so sein soll. Lehrer können mit ihrer Ausbildung nicht allzu viel sonst anfangen – mal abgesen davon dass sie Lehrer werden wollten und gerne in diesem Beruf arbeiten möchten. Und in diesen Verträgen müssen, wenn sie eine Festanstellung haben wollen und noch keine bekommen haben.
Ansonsten kenne ich die Klagen der Arbeitnehmervertreter in der Wirtschaft – waren ja laut genug in den Medien – wenn dort Kosten auf die öffentlichen Haushalte abgeschoben werden (denken wir mal an die Vorruhestands-Regelungen, die von den Betrieben flugs für Personalabbauten genutzt wurden). Wenn das von einem öffentlichen Haushalt in den anderen geht, soll das dann keine Rolle spielen, wie mir scheint.
Aus Ihrem Beitrag spricht kein sonderlich qualifiziertes und vorurteilsfreies Denken.
@ Martin Bongards:
Schade, daß Sie schon gehen wollen.
Ich habe bereits bedacht, daß zusätzlich zum ausgezahlten Geld Kosten hinzukommen. Um mich selbst zu zitieren und zu beweisen, daß ich keinem populären Irrtum aufgesessen bin: Na gut, da gehen noch diverse andere Leistungen mit Weg (Versicherungen etc. pp) . Sagen wir einfach mal pauschal: 1500 € werden da noch übrigbleiben. Sie sagen jetzt, es sind pro Monat knapp 1900, die ein arbeitsloser Lehrer dann bekommt. Mit Verlaub, das ist deutlich mehr als das von Frontal suggerierte ALGII.
Und zu Ihrer Zusatzkostenbemerkung: wieviel Verwaltungskosten werden das schon sein? Mehr als eine Million kann es auf keinen Fall sein. Das hieße nämlich, daß das Arbeitsamt pro Jahr knapp 10 Milliarden an Verwaltungskosten verbliese. Halte ich für unwahrscheinlich. Und wenn es wahr ist, gehört der Laden mit nem eisernen Besen geputzt.
@ heplev:
Universitäten? Eine andere Bildungsinstitution als allgemeinbildende Schulen, oder? Und nicht mit Zeitverträgen von ein paar Wochen bedacht, wenn mich nicht alles täuscht.
Sie irren sich aber. Ich beispielsweise habe z.Z. einen Dreimonatsvertrag.
Keiner wird gezwungen – stimmt. Aber ich frage mich, warum das in diesem Beruf so sein soll. Lehrer können mit ihrer Ausbildung nicht allzu viel sonst anfangen Verstehe ich Sie jetzt richtig? Sie monieren, daß Lehrer eine zu spezialisierte Ausbildung erhalten? Aber dieses Zeitarbeitsmodell wird nur von vier oder fünf Bundesländern verfolgt. Ergo gibt es da noch 11 oder 12 Bundesländer, die qualifizierte Lehrer dringend suchen. Es gibt also durchaus die Möglichkeit, woanders hinzugehen. Bitte jetzt kein Argument, das sei ja nicht zumutbar.
mal abgesen davon dass sie Lehrer werden wollten und gerne in diesem Beruf arbeiten möchten Ach so? Na, das gilt ja wohl für jeden anderen auch, oder? Jetzt klagen Sie die Unmenschlichkeit von Arbeitslosigkeit selbst an, nicht? Ich gebe Ihnen Recht.
Aber Sie müssen auch folgendes sehen. Diese Zeitarbeitsgeschichte ist aus der Not heraus geboren. Wenn Sie das beheben wollen, müssen Sie schon erzählen, aus welchem Topf Sie die Zusatzkosten bezahlen möchten. Und bitte machen Sie jetzt nicht den Lafontaine und fangen mit Reichensteuer und dergleichen an.
@ romanmoeller
Der Satz ist vorsichtig gesagt unerträglich! Der Beruf des Lehrers ist wirklich keine Drecksarbeit, sondern eine wichtige und gemeinnützige Beschäftigung. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Muß man nur Drecksarbeiten annehmen oder was wollen Sie damit ausdrücken? Ich verstehe Sie wirklich nicht ganz. Bitte präzisieren Sie das doch etwas.
@diskus: Ich habe den Eindruck, du versuchst die nicht optimalen Arbeitsbedinungen schönzureden und zu relativieren mit diesem Satz. Kann sein, das ich mich irre – aber den Eindruck habe ich jedenfalls!
@ romanmoeller
Moment, ich stelle nur fest, daß es für Lehrer durchaus die Möglichkeit gibt, diese Zeitverträge abzulehnen und sich ein anderes Bundesland als Arbeitgeber zu suchen. Diese Zeitverträge werden nur von 4 oder 5 Bundesländern ausgegeben. Bleiben noch 11 oder 12 andere.
Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß bei einem derartigen Lehrermangel das Problem so gravierend sein soll. Beim besten Willen nicht. Wie viele Menschen werden gerade ohne Lehramtsstudium Lehrer, weil die Kultusministerien in vielen Fächern händeringend Personal brauchen? In meiner Familie allein zwei. Bitte erzählen Sie mir jetzt nicht, das seien alles nur Vorurteile.
Die eigentliche Schande an diese Diskussion ist die Tatsache, dass für Finazgierige Manager und Politiker alles erlaubt wird. Dazu sagt Otto oder der kleine Michel, der ja nur zur blinden Gehorsam und Obrigkeit DRESSIERT wurde, nix.
Eine Schande ist ebenfalls die Art und Weise, wie in dieser Gesellschaft mit sogenannten “Schmarotzer” umgegangen wird.
Geld ist genug da für alle!! Was aber nicht vorhanden ist, ist Mut und Zivilcourage.
Das kommt uns bekannt vor, was?