Über die bahnbrechende chinesische Erfindung des vierstufigen Jubels hatten wir schon im Vorfeld der mittlerweile längst vergessenen Olympischen Spiele in Peking berichtet. Nun ruft uns Xinhua die enorme Bedeutung dieses Zeichens des chinesischen Fortschritts erneut ins Gedächtnis, unter dem vielsagenden Titel “Olympic cheerleaders point new direction for China’s diplomacy“:
Since it was approved by the Chinese government, 800,000 volunteers have been practicing the routine to cheer on athletes — both Chinese and foreign — at the Games last August.
It’s the concept of the four-step cheer that’s puzzling, rather than the routine itself, which is easy to learn:
— Clap twice, shouting “Olympics”.
— Give the thumbs up with your arms extended upward, shouting “Go”.
— Clap twice, shouting “China”.
— Punch the air with your fists, your arms extended, shouting “Go”.
Why the need for an official Olympic cheer?
According to the Beijing Olympics organizing committee, which unveiled the routine in June, it “demonstrates to the world the charisma of the Chinese people and our enthusiasm”.
But the Olympic chant also symbolizes the government’s acknowledgement that China’s image-making in the world is now pretty much up to the people than government
The Olympics will be a crucial test yet of China’s “people-to-people diplomacy” — and its outcome could determine the future influence of the wider society in China’s international bridge-building.
The chant is one of the measures in the government’s “civilization campaign” to educate its people on their public behavior for the Olympics.
Hinter den “Zivilisierungsbemühungen” steckt, man halte sich fest, das “Spiritual Civilization Steering Committee” der Kommunistischen Partei (中央精神文明建設指導委員會), der “official etiquette watchdog”. Das Komittee hat sich unter anderem die hehren Ziele gesetzt den Chinesen das Schlangestehen beizubringen und chinesische Touristen zum guten Benehmen im In- und Ausland zu erziehen. Es gibt auch “Zivilisierungsbüros” auf der Provinz- , Kreis- und Gemeindebene. Als Zeichen für den Erfolg dieser Kampagnen und die Entwicklung einer modernen, chinesischen Zivilgesellschaft werden dann aber ausgerechnet die ultranationalistischen Ausfälle als Reaktion auf die westliche Berichterstattung über den Aufstand in Tibet (die chinesische Kritik war hier teilweise berechtigt) und westliche Proteste beim Olympischen Fackellauf genannt:
For instance, Chinese Internet users conducted an effective campaign against what they saw as the Western media’s “biased” reports on the March 14 Lhasa riots. They started petitions on such major port websites, as sina.com and china.com, demanding the Western media to apologize.
Rao Jin, a Tsinghua University graduate, even set up the website, www.anti-cnn.com, to highlight what he said were incorrect and inaccurate reports.
“We are not against the Western media, but against the lies and fabricated stories in the media; we are not against the Western people, but against the prejudice from Western society,” he said.
…
In response, Germany’s RTL TV and N-TV published corrections and apologies on their websites on March 23 and 24 respectively.
The Washington Post published an editor’s note on March 24, saying the caption for a slideshow on the Tibet riot had been incorrectly associated with a photo from Nepal where police clashed with Tibetans. The caption was corrected.
“The people’s voice was heard by the international community and received a positive response,” Yu says.
Immerhin erkennen die Chinesen, dass der “zivilisatorische Fortschritt” in China auch ungewollte Blüten treibt:
However, other public reactions to Western coverage of the Lhasa riot and the Olympic torch relay disruptions in Paris triggered controversy among the public and concern among the experts.
Thousands of people staged protests in front of Carrefour supermarkets in China, calling for a boycott of the French chain and other French brands, including Luis Vuitton, which allegedly supported the Dalai Lama.
The CPFFC’s Chen Haosu says it was good to see the public’s stance, but the action was inappropriate.
“Sometimes people fail to distinguish patriotism from extreme nationalism,” he says.
Immerhin. Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Die Forderung des Artikels nach mehr Einfluss der Bürger in der chinesischen Außenpolitik macht mir angesichts der dezent nationalistischen Tendenzen ein paar Sorgen. Aber wie man die KP kennt, wird daraus ja eh nix.
Hier noch der Link zum “China Civilization Net” (中國文明網, leider nur auf Chinesisch). Die Seite bietet einen kuriosen Mix aus Kommunismus, Nationalismus und traditioneller chinesischer Pseudokultur. Ziele der Seite sind unter anderem die Steigerung des Zivilisationsniveaus der Gesellschaft, sowie die Schaffung einer “Internetkultur chinesischer Prägung”. Zudem wird dem geneigten Leser unter dem Abschnitt “Weltzivilisation” anschaulich erklärt, welche zivilisatorischen Errungenschaften der Ausländer man sich denn nun aneignen solle (z.B. Jugendschutz im Internet aus Kanada, Gesetze gegen Alkohol am Steuer aus Brasilien und Anti-Raucher-Maßnahmen aus Japan).
Den vierstufigen Jubel haben die Chinesen aber ohne ausländische Hilfe erfunden! Das wollen wir hier noch mal festhalten.


Mich würde interessieren, die wievielte chinesische Erfindung das nun ist. Hat jemand mal gezählt? Mit dem Urknall ging’s doch wohl los. Aber danach? Ich habe etwas den Überblick verloren.
Da gibts sicher bald eine entsprechende Abteilung im chinesischen Statistikbüro. Eine halbe Million Beamte werden dann genau nachzählen. Schafft auch Arbeitsplätze für arbeitslose Patrioten!
Eigentlich brauchen kommunistisch-geführte Länder überhaupt keine Theater, denn sie sind es selbst. Sich der Welt als super toll präsentieren, dass konnte auch die DDR gut. Es scheint als bestünde in derart geführten Ländern ein besonderer Geltungsdrang gegenüber anderen Ländern.
@thearcadier: Das ist wahr. Kommunistische Regime haben uns schon immer blendend unterhalten. Die chinesische Besonderheit ist die historisch bedingte Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und gnadenloser Selbstüberschätzung und -bewunderung. Das ist für Chinesen aber kein Problem, ebenso wie die Zugehörigkeit zu verschiedenen Religionen und das “Nebeneinander” von Kommunismus und Kapitalismus.